Nolans Herz hämmerte gegen seinen Brustkorb, während das Kreischen des arktischen Windes an seinen Ohren zerrte. Durch die eisverhangenen Brillengläser sah er einen sich bewegenden Schatten über den gefrorenen Horizont huschen. Ihm blieb keine Zeit zum Nachdenken. Sein Instinkt sagte ihm, er solle rennen, aber seine Füße fühlten sich wie angewurzelt an.
Ein gewaltiges Gebrüll durchbrach die eisige Stille und hallte über die weite Tundra. Panik schoss durch Nolans Adern, als er erkannte, dass es sich bei der Masse aus weißem Fell um einen Eisbären handelte, riesig und bedrohlich. Er sah ihm in die Augen und sein Atem stieg in einer unheilvollen Wolke auf.
Er versuchte auszuweichen, aber seine Stiefel rutschten auf dem glatten Eis ab. Als er hilflos und ungeschützt nach hinten taumelte, bäumte sich der Bär auf und stand wie ein Schreckgespenst über ihm. Er tastete nach seinem Funkgerät, aber die Pranke der Kreatur zertrümmerte es auf der Stelle.
Kaum hatte die Morgensonne den arktischen Horizont gekrönt, stapfte Nolan aus seiner Hütte. Er war von Beruf Fischer und an beißende Winde und treibende Schollen gewöhnt. Doch jeder Sonnenaufgang stellte ihn vor eine neue Herausforderung in der schneebedeckten Weite.

Jeden Tag folgte er der gleichen Routine: Er überprüfte seine Ausrüstung, packte gerade genug Proviant ein und trotzte den messerscharfen Böen. Trotz des Unbehagens, das sich in seinem Magen breit machte, ging er weiter. Die Einsamkeit war ihm hier nicht fremd, aber jenseits der eisigen Stille lauerten Gefahren.
Wilderer durchstreiften diese Gewässer und machten Jagd auf jeden, der ihren Weg kreuzte. Nolan hatte die Gerüchte gehört – Geschichten über ausgeraubte oder verschwundene Menschen und über ganze Lager, die von skrupellosen Verbrechern geführt wurden. Er war solchen Männern noch nie begegnet, aber der Gedanke an sie verfolgte ihn in seinen Träumen.

Seine Hütte befand sich auf einer leichten Anhöhe in der Nähe einer zugefrorenen Bucht. Dichter Schnee bedeckte das Dach und bildete Eiszapfen, die tropften, sobald ein seltener Sonnenstrahl die Dachsparren erwärmte. Drinnen war alles aufgeräumt: ein schmales Bett, ein Holzofen und ein kleiner Tisch mit Angelausrüstung.
An diesem Tag hatte er sich eine Kanne Kaffee gebrüht, um die anhaltende Müdigkeit nach einer unruhigen Nacht zu vertreiben. Erinnerungen an Fischzüge, prekäre Eisflächen und Sturmwarnungen wirbelten in seinem Kopf herum. Der einzige Trost, den er fand, war sein unerschütterlicher Wille zu überleben.

Das Funkgerät auf seinem Tisch knisterte gelegentlich mit dem müßigen Geplapper anderer Fischer. Die meisten Sendungen warnten vor sich verschiebenden Eisverwehungen oder kündigten bittere Stürme an. Nolan hörte aufmerksam zu, denn er wusste, dass ein einziges Versehen an diesem Ort ihn das Leben kosten konnte.
Er zog sich mehrere Schichten Thermokleidung an – dicke Socken, einen Fleece und einen winddichten Parka. Er vergewisserte sich, dass die Traktionsspikes seiner Stiefel sicher befestigt waren. Im hohen Norden konnte ein Ausrutscher eine Katastrophe bedeuten, wenn man nicht schnell wieder auf die Beine kam.

Bevor er sich auf den Weg machte, nahm er einen kleinen Snack aus getrocknetem Fisch zu sich. Er mochte den salzigen Geschmack, und er gab ihm einen Energieschub bei der klirrenden Kälte. Während er mampfte, warf er einen Blick zum Horizont und bemerkte schwache Wolken, die auf möglichen Schnee im Laufe des Tages hindeuteten.
Nolan erreichte sein übliches Angelloch, ein Gebiet, das er seit Jahren erkundet hatte. Das Eis war hier dick und doch an manchen Stellen brüchig, und im Wasser darunter wimmelte es nur so von widerstandsfähigen Fischen. Er fand eine geeignete Stelle, schob den losen Schnee beiseite und machte seinen Bohrer bereit.

Jede Drehung des Eisbohrers erinnerte ihn an die raue Umgebung, an die er sich im Laufe der Jahre gewöhnt hatte. Er lehnte sich gegen den Griff, bis der Bohrer tiefer grub. Es war eine zermürbende Arbeit, die durch den unerbittlichen Wind, der ihm die Wärme aus den Fingerspitzen saugte, noch erschwert wurde.
Als er endlich durchgebrochen war, räumte er vorsichtig das lose Eis beiseite und legte seine Angel aus. Das Fischen in dieser Gegend erforderte Geduld. Die Fische schwammen nicht in Scharen, wie sie es in wärmeren Gewässern taten. Jeder Fang fühlte sich an wie ein kleiner Sieg über den rauen Entwurf der Natur.

Er nahm sich einen Moment Zeit, um die majestätische Einsamkeit zu genießen: den endlosen weißen Horizont, das schwache Brummen der eisigen Luft und das ferne Schimmern des Daches seiner Hütte. Ja, es war einsam, aber es war auch atemberaubend in seiner Reinheit und Ruhe.
Diese Entscheidung setzte eine Kette von Ereignissen in Gang, die er nie vergessen würde. Er spürte das erste Beben unter seinen Stiefeln und tat es als eine sich absetzende Eisschicht ab. Doch als ein zweites, stärkeres Beben folgte, schärften sich Nolans Sinne. Weit entfernt in der schwankenden Dunkelheit erblickte er eine massige Gestalt. Sein Magen verdrehte sich bei der Erkenntnis: ein Eisbär.

Nolan kannte den Ruf dieser Raubtiere nur zu gut, die für ihre Wildheit und Gerissenheit bekannt waren. Mit pochendem Herzen zwang er sich, gleichmäßig zu atmen. Laufen war auf dieser glatten Oberfläche Selbstmord. Stattdessen wich er langsam zur Seite aus, in der Hoffnung, der Bär würde das Interesse verlieren und abhauen.
Doch das riesige Tier kam immer näher, jeder bedächtige Schritt verkündete seine tödliche Absicht. Nolans Gedanken rasten durch die warnenden Geschichten: Ein einziger Hieb könnte seinen Schädel zertrümmern, ein einziger Ausfallschritt könnte ihn zerreißen. Kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn, während er darum kämpfte, nicht in Panik zu geraten.

Er versuchte, einen Schritt zurückzutreten, die Stiefel rutschten auf dem tückischen Eis. Die Angst dröhnte in seiner Brust und raubte ihm das Gleichgewicht. In diesem Moment stolperte er und schlug mit den Armen um sich, um sich aufrecht zu halten. Der Eisbär bewegte sich weiter, sein Atem dampfte in der frostigen Luft.
Mit zittriger Hand tastete Nolan nach seinem Funkgerät, seiner letzten Hoffnung. Doch die riesige Pranke des Bären krachte herab und zersplitterte das Plastik mit einem unangenehmen Knirschen. Ein statisches Zischen ertönte in Nolans Ohren und erstickte die Vernunft. Sein Verstand schrie, dass dies das Ende war, dass seine Welt im Begriff war, zu verschwinden. Doch der Tod kam nicht. Stattdessen hielt der Bär inne und stieß ein tiefes, grollendes Knurren aus, das Nolan die Knochen durchschüttelte.

Dann, wie durch ein unsichtbares Signal gerufen, wich der Eisbär von ihm zurück. Er schnupperte an der Luft und interessierte sich plötzlich mehr für den verbleibenden Fischgeruch als für Nolans zitternde Gestalt. Diese kleine Gnade rüttelte ihn vom Rande des blinden Terrors auf.
Mit klammen Fingerspitzen klammerte er sich an das Eis und beobachtete, wie der Bär seinen Schlitten durchwühlte. Jedes Knirschen und Knacken des zerbrechenden Holzes hallte über die gefrorene Weite. Nolans Verstand schwankte zwischen verzweifelter Dankbarkeit für sein Leben und einer neuen Welle des Entsetzens über die unberechenbare Macht der Kreatur.

Der Bär verschlang den Fisch in wilden Schlucken, die Muskeln kräuselten sich unter seinem weißen Fell. Zwischen den Bissen schnaufte und keuchte er, als sei er erschöpft. Nolan blinzelte, verblüfft von der Erkenntnis, dass dieses kolossale Raubtier alles andere als triumphierend war – es wirkte verzweifelt, sogar mitleiderregend in seinem hektischen Fressen.
Sein Atem blieb ihm im Hals stecken, als der Bär seinen massigen Kopf wieder auf ihn zubewegte. Ein gutturales Stöhnen erschütterte das Eis unter ihnen. Nolan wurde klar, wie ausgehungert er sein musste, wie das Leben in diesem unbarmherzigen Land die Bestie zu solcher Kühnheit getrieben hatte.

Keuchend und zitternd zwang er sich aufzurichten. Jeder Nerv schrie danach, zu fliehen, doch er konnte nicht. Der Blick des Bären war seltsam klagend, seine Augen waren von einem unausgesprochenen Flehen umrandet. Könnte eine so tödliche Kreatur um Hilfe bitten, anstatt seinen Untergang zu planen?
Die Zeit verlangsamte sich, als er in seinen Rucksack nach einem Stück getrockneten Fisch griff. Seine Hände zitterten unkontrolliert, und sein Herzschlag dröhnte in seinen Ohren. Der Bär kam näher, seine Nasenlöcher blähten sich durch den salzigen Geruch. Nolans Sicht verschwamm vor Angst, doch etwas Tieferes flüsterte ihm zu, dass er handeln musste.

Wider besseres Wissen streckte er seinen Arm aus. Der Bär beugte sich vor, die Schultern angespannt, bereit zu flüchten oder anzugreifen. Nolan konnte kaum schlucken. Er spürte die Hitze, die von seinem riesigen Körper ausging, roch seinen stechenden Atem und versuchte, sich nicht vorzustellen, wie die tödlichen Kiefer zuschnappen würden.
Ein leises Grunzen durchbrach die Spannung. Der Eisbär nahm sein Angebot an und schluckte den Happen in einem Zug hinunter. Nolan atmete ruckartig aus, geschockt von der Erkenntnis, dass er noch am Leben war. Einen Moment lang schienen Raubtier und Beute ein zerbrechliches Einverständnis zu haben.

In diesem Augenblick änderte sich etwas. Trotz der knochentiefen Angst, die immer noch an Nolan nagte, machte sich ein anderes Gefühl breit: ein vorsichtiges Mitgefühl. Die Augen des Bären blickten umher und richteten sich dann wieder auf ihn. Er schnaufte, sein Blick huschte zu seinem Rucksack, als hoffte er auf einen weiteren Happen.
Nolan griff nach mehr getrocknetem Fisch, sein Herz hämmerte so laut, dass er dachte, es würde ihn verraten. Der Bär schnupperte an der Luft, die Lippen kräuselten sich, aber nicht knurrend, sondern eher in Erwartung. Jede Sekunde spannte sich wie ein Draht an, und sein rationaler Verstand schrie, dass dies Wahnsinn war.

Nachdem er das zweite Stück verschlungen hatte, entfernte sich der Bär ein paar Schritte und hielt inne. Sein Kopf drehte sich wieder zu Nolan und jagte ihm eiskalte Schauer über den Rücken. Er dachte, das war’s – seine Zeit war abgelaufen, und der Bär wollte frische Beute.
Stattdessen stieß er ein leises Brummen aus und drehte sich zu Nolans Schlitten. Mit einem einzigen Hieb seiner Klauen riss das Tier den Holzrahmen auf und zersplitterte ihn auf der Suche nach weiteren Fischen. Nolan drehte sich der Magen um, als er das Knacken des Holzes hörte – ohne den Schlitten würde es kein schnelles Entkommen geben, wenn das Tier feindselig wurde.

Er stand auf wackligen Beinen, und seine Knie drohten unter dem Gewicht des Adrenalins nachzugeben. Eine innere Stimme rief ihm zu, er solle über die Tundra flüchten und nie wieder zurückblicken. Aber irgendetwas an der Dringlichkeit des Bären zerrte an ihm und zwang ihn, die Neugier über die Vorsicht zu stellen.
Der arktische Himmel über ihm färbte sich in einem bedrohlichen Violett. Windböen peitschten Eiskristalle gegen Nolans Wangen, die wie Nadeln stachen. Jeder Schritt vorwärts fühlte sich wie ein Verrat an seinen eigenen Überlebensinstinkten an. Dennoch konnte er den seltsamen Zwang nicht leugnen, dem stummen Flehen der Kreatur zu folgen.

Je weiter er sich von dem Schlittenwrack entfernte, desto stärker wurde das Gefühl der Isolation. Die vertrauten Umrisse seiner Hütte verschwanden in der wirbelnden Düsternis. Die Sicherheit seiner gewohnten Routine war verschwunden und wurde durch eine unheimliche Stille ersetzt, die sein Herz wie eine eisige Faust packte.
Jeder Schritt erzeugte ein hohles Knirschen, das durch die völlige Stille um ihn herum noch verstärkt wurde. Nolan erwartete fast, dass der Bär herumwirbeln und angreifen würde, aber er ging weiter und hielt nur inne, um mit demselben beunruhigenden Blick zurückzublicken. Jeder Blick versetzte ihm einen neuen Schreckensschock.

Er ertappte sich dabei, wie er halb geformte Entschuldigungen in den Wind flüsterte, als würde er die Arktis um Vergebung bitten. Jede Bewegung der Bärenmuskeln, jedes Schnalzen der Ohren ließ ihn auf einen Angriff gefasst sein. Doch das Tier stürzte sich nicht auf ihn – es fletschte nicht einmal die Zähne.
Die Nacht brach herein, beschleunigt durch dicke, tief hängende Wolken. Nolans Haut kribbelte mit dem Gefühl, dass er sich in einem Reich befand, in das Menschen nicht gehörten. Er bewunderte, wie die Silhouette des Bären mit der Dunkelheit verschmolz und ihn fast gespenstisch erscheinen ließ.

Plötzlich blieb der Bär stehen und drehte seine kolossale Gestalt zu ihm hin. Nolans Puls schlug heftig gegen seine Brust. Er erstarrte und spürte, wie die eiskalte Luft in seine Lungen drang. Dann, mit einem langsamen Ausatmen, bemerkte er, dass der Blick der Kreatur auf dem Beutel mit getrocknetem Fisch an seinem Gürtel ruhte.
Erleichterung prallte auf Angst und ließ ihn zittrig und atemlos zurück. Natürlich wollte der Bär mehr Futter – er war nicht hinter seinem Fleisch her, zumindest noch nicht. Nolan tastete nach einem weiteren Stück und ließ es fast fallen, als die Kälte seine Fingerspitzen betäubte. Die Spannung knisterte wie Statik.

Er streckte den getrockneten Fisch aus und wurde fast ohnmächtig vor lauter Angst und Verwunderung. Der Bär kam näher, Dampf strömte aus seinen Nasenlöchern. Die Zeit wurde wieder fließend, als ob die arktische Nacht selbst den Atem anhielte und zusah, wie Mensch und Tier in diesem seltsamen Tanz verschmolzen.
Als der Bissen genommen war, ließ Nolan seinen Arm sinken, Erleichterung flutete durch seine Adern. Der Bär schnüffelte an seinen Stiefeln und streifte sie mit seiner feuchten Schnauze. Sein ganzer Instinkt schrie ihn an, wegzuweichen, aber irgendwie blieb er ruhig, die Augen auf das massive Gesicht des Tieres geheftet.

Ein grollendes Grunzen signalisierte das Ende dieses zerbrechlichen Moments. Der Bär drehte sich wieder um und stapfte tiefer in die Nacht. Nolan stand da, der Atem stockte und er fragte sich, ob er verrückt war, ihm zu folgen. Aber ein Ziehen in seiner Brust – teils aus Angst, teils aus Mitleid – trieb ihn weiter.
Er blickte einmal zurück und entdeckte die schwache Gestalt seines zerstörten Schlittens weit hinter sich. Ein Schmerz des Verlustes durchzuckte ihn, die Erkenntnis, dass die Rückkehr jetzt nicht mehr so einfach sein würde. Der Wind heulte, der einzige Zeuge seiner Entscheidung, den schweren Fußspuren des Bären zu folgen.

Mit jedem Schritt auf dem tückischen Eis gingen Nolan die Geschichten durch den Kopf, die er gehört hatte: von Eisbären, die Zelte aufrissen, von grausamen Piratenüberfällen, von Wanderern, die für immer unter dem Schnee verschollen waren. Jetzt hatte er gerade keinen Fisch mehr, und ein Grauen machte sich breit: Würde er der Nächste sein?
Die schweren Pfoten des Bären knirschten auf dem gefrorenen Boden, jeder Aufprall erinnerte ihn an seine gewaltige Kraft. Nolan spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte, wenn das Tier innehielt und sich umdrehte, als wolle es nach mehr Nahrung suchen. Jeder Blick versetzte ihm einen Stich in die Magengrube.

Er versuchte, sich zu beruhigen, indem er sich daran erinnerte, dass der Bär Fische genommen hatte, anstatt ihm direkt an die Kehle zu gehen. Aber da es keine Rationen mehr gab, konnte er sich nicht vorstellen, wie sich die Kiefer der Kreatur um sein Fleisch schlingen würden. Die Angst klebte an ihm wie ein Schatten.
Doch unter dem Schrecken zerrte noch etwas anderes an ihm: ein leises, beharrliches Gefühl, dass der Bär genauso verzweifelt war wie er selbst. Schritt für Schritt drängte er sich weiter durch die Stille der arktischen Nacht, hin- und hergerissen zwischen dem Drang zu fliehen und dem unmöglichen Drang zu folgen.

Doch gerade als er daran dachte, umzukehren, weil er überzeugt war, dass die ganze Tortur Wahnsinn war, entdeckte er ein schwaches Glühen. Der Schein des Feuers schimmerte in der Dunkelheit und offenbarte Gestalten, die in der Nähe eines behelfsmäßigen Unterschlupfs kauerten. Seine Brust zog sich zusammen. Hier lagerten Menschen, höchstwahrscheinlich Wilderer.
Er ging in die Hocke, der Wind trug gedämpfte Stimmen an seine Ohren. Er erkannte das Knacken von Gewehren, das Klirren von Metallfallen. Dies war keine freundliche Versammlung. Seine Kehle schnürte sich zusammen. Der Bär näherte sich und stieß ein leises Knurren aus, das sein Gefühl des Grauens widerspiegelte.

Dunkle Zelte aus Segeltuch lagen wie bedrohliche Schatten auf dem Schnee, jedes von einer einzigen Laterne beleuchtet, die tanzende Formen auf das Eis warf. Holzkisten und Metallfässer bildeten lose Barrikaden um die Feuerstellen, in denen die sterbende Glut glühte. Jeder Windstoß ließ Funken aufflackern und erhellte kurzzeitig die Düsternis.
Nolan schlich am äußeren Rand entlang und bahnte sich seinen Weg hinter Stapeln von Vorratskisten. Er drückte seinen Körper flach, jeder Atemzug war flach, als er dumpfe Stimmen in der Nähe hörte. Gelegentlich stapfte ein Pirat vorbei, dessen Stiefel auf dem Schnee knirschten, und zwang ihn zum Anhalten, bis die Patrouille in der Dunkelheit verschwand.

Bei näherem Hinsehen erkannte er weitere Details: halb erfrorene Seile, zerfetzte Schlafsäcke und verstreute Dosen. Die Wilderer hatten Fallen aufgestellt, die jeweils mit bösen Metallzähnen versehen waren, die im Schein der Laterne glitzerten. Nolan schluckte schwer und achtete darauf, nichts zu verletzen, was unter seinen Stiefeln klappern oder brechen könnte.
Er erblickte die Silhouetten von Männern, die über einen behelfsmäßigen Tisch gebeugt waren und ihre Gewehre in Griffweite hatten. In der Nähe zeugte ein ganzer Stapel illegaler Felle von vergangenen Tötungen. Nolans Puls pochte, als er sich vorstellte, welches Schicksal die Eisbärenmutter erwarten könnte, wenn er heute Nacht versagte.

Zwischen Kisten und dem Rand eines Zeltes erblickte er das eingesperrte Jungtier. Sein Herz krampfte sich beim Anblick der winzigen Gestalt zusammen, die zitternd an den Eisenstangen lehnte. Er sagte sich, er müsse sich konzentrieren, die betäubende Angst ignorieren und seinen Instinkten vertrauen, um ungesehen zu bleiben.
Schritt für Schritt schlich er sich näher heran. Das Jungtier stieß ein klägliches Winseln aus, was ihn anspornte, sich schneller zu bewegen. Unten bleibend kreiste er hinter einer halb umgestürzten Kiste, vergewisserte sich, dass ihn niemand beobachtete, und stürzte sich dann nach vorne. Der Metallkäfig tauchte vor ihm auf, und jeder Atemzug brannte in seiner Brust.

Er ging in die Hocke und fummelte an dem Schloss herum, wobei ihm trotz der Kälte der Schweiß auf der Stirn stand. Jedes leise Klicken fühlte sich ohrenbetäubend an. Dann, endlich, gab es nach. Nolan drückte die Tür auf und hoffte, dass sie nicht quietschen würde. Doch das Jungtier, das die Freiheit witterte, stürmte mit unbändiger Energie hinaus und ließ die Tür mit einem metallischen Krachen zu Boden fallen.
Das Klirren durchbrach die eisige Stille. Schreie ertönten, Blitzlichter durchschnitten die Dunkelheit, und Schritte knirschten schnell auf Nolans Position zu. Er fluchte leise vor sich hin und machte sich auf das Schlimmste gefasst. Dann hallte ein donnerndes Brüllen durch das Lager, die Bärenmutter kündigte ihren Zorn an.

Chaos herrschte auf dem Gelände. Die Wilderer kramten nach ihren Waffen, einige fummelten, als sie versuchten zu reagieren. Nolan entdeckte eine Lücke in der Nähe eines Tisches, auf dem sich eine Menge Ausrüstung befand, darunter ein Funkgerät. Er stürzte sich darauf und schnappte sich das Gerät, gerade als der erste Schuss über ihn hinwegzischte.
Er hielt das Funkgerät fest und sprintete dem fliehenden Jungtier hinterher. Jeder Atemzug brannte in seiner Lunge, jeder Schritt drohte ihn auf dem rutschigen Boden zu zerschmettern. Er schrie in das Funkgerät und versuchte, die Wildhüter zu rufen. Doch die Antwort war nur ein statisches Rauschen, das ihn nicht beruhigte.

Er hörte die Bärenmutter wieder brüllen, irgendwo im Lager. Auf das Geräusch folgten verzweifelte Schreie. Nolan hoffte, dass es ihr gut ging, aber er konnte nichts tun, wenn er erwischt wurde. Er musste den Ruf nach Hilfe ernst nehmen.
Er duckte sich hinter einen großen Schneehügel und hielt den Atem an. Das Jungtier drückte sich zitternd an seine Seite. Stiefelschritte knirschten gefährlich nahe. Er schloss die Augen und wagte es kaum, einzuatmen. Dann erwachte das Funkgerät zum Leben, und eine Stimme drang leise durch das Rauschen.

Sein Herz pochte wie eine Kriegstrommel. Hin- und hergerissen zwischen Schweigen, um nicht entdeckt zu werden, und der Übermittlung ihres Standorts, entschied er sich für den Mut. “Hier ist Nolan”, flüsterte er heiser. “Da sind Wilderer … Koordinaten ungefähr … in der Nähe des großen Eisrückens.” Er spuckte die Richtung aus, so gut er konnte.
Kaum war er fertig, wurde er von zwei Wilderern gepackt. Einer riss ihm das Funkgerät aus der Hand und schleuderte es weg. Der andere umklammerte das verängstigte Jungtier und dämpfte seine Schreie. Nolan trat und drehte sich, aber ihr Griff war eisenhart. In seinem Kopf drehte sich alles vor Angst.

Sie zerrten ihn zurück in die Höhle, ein zerlumptes Gebilde, umgeben von verstreuten Vorräten. Im flackernden Licht des Feuers tanzten die Schatten, aber von der Bärenmutter war nichts zu sehen. Nolans Puls beschleunigte sich noch mehr, die Angst um die verletzte oder gefangene Mutter durchströmte ihn.
Die Männer fesselten seine Handgelenke mit einem groben Seil. Er konnte Blut in seinem Mund schmecken, wahrscheinlich von einer aufgeplatzten Lippe. Das Jungtier wimmerte und kauerte neben ihm. Nolan blickte sich um, aber es gab niemanden, der ihm helfen konnte. Er war allein, ihrer Gnade ausgeliefert.

Plötzlich schlugen donnernde Pfoten auf das Eis hinter den Wilderern. Die Bärenmutter war zurückgekehrt, ihre Wut war bei jedem Schritt spürbar. Nolans Hoffnung flammte kurz auf, als er sich vorstellte, wie die Verbrecher vor Angst flohen. Doch dann bemerkte er das beunruhigende Lächeln des einen Wilderers. Irgendetwas stimmte nicht.
Eine versteckte Strickfalle lag im Weg der Bärin. Die Wilderer hatten ihre Rückkehr vorausgesehen. Nolan schrie und versuchte, sie zu warnen, aber seine Stimme löste nur den Angriff des Tieres aus. Sie stürmte vorwärts, verzehrt von schützendem Zorn, direkt in den tödlichen Auslöser der Schlinge.

Das Netz schoss heraus, dick und beschwert. Es landete mit einem schweren Aufprall auf der Bärin. Sie brüllte wütend auf, zappelte und schlug um sich, aber je mehr sie sich wehrte, desto fester hielt das Netz. Nolans Brust zog sich vor Entsetzen zusammen. Sie war gefangen, völlig schutzlos.
Die beiden Wilderer lachten und klatschten sich gegenseitig ab. Einer von ihnen hob sein Funkgerät und rief seine Kollegen von dort zurück, wo der Bär sie gejagt hatte. Nolan verdrehte sich die Handgelenke, der Schmerz durchzuckte ihn, aber die Seile wollten nicht nachgeben. Verzweiflung überkam ihn, kalt wie der arktische Wind.

Nolans Frustration wuchs, als er die Seile testete, die sich in seine Handgelenke bohrten. Seine Stiefel boten auf dem glatten Eis keinen Halt und hinderten ihn daran, sich ausreichend abzustützen, um sich loszureißen. Er suchte nach einer heruntergefallenen Klinge oder einem Metallsplitter, aber alles blieb auf verrückte Weise unerreichbar.
Als er sich wieder drehte, flammte der Schmerz in seiner rauen Haut auf. Jede Taktik, die er sich ausgedacht hatte – gegen lose Knoten zu treten, das Seil durch Reibung zu zerreißen – führte zu nichts. Das Brüllen des Eisbären schnitt immer noch durch die eisige Luft und verhöhnte seine Unfähigkeit zu handeln. Dann hörte er frische Schritte, die durch den Schnee knirschten.

In der Ferne zeichneten sich Silhouetten ab: die anderen Wilderer kehrten zurück, angelockt von der Aussicht, eine so wertvolle Trophäe zu erbeuten. Ihre Stimmen erfüllten die stille Luft mit einem grausamen, triumphalen Unterton. Nolan konnte sich nur vorstellen, welches Schicksal die Bärenmutter und ihr Junges erwartete.
Sie umkreisten Nolan und freuten sich über ihren bevorstehenden Zahltag. Einige spotteten und traten Schnee nach ihm. Er zwang sich, ruhig zu bleiben, weil er wusste, dass Panik nichts bringen würde. Das Jungtier drängte sich zitternd an ihn. Nolan wünschte, er könnte die arme Kreatur trösten.

Doch das Schicksal griff in Form eines fernen Grolls ein. Zuerst dachte Nolan, es sei ein Donner. Dann sah er Lichter über die Tundra huschen, begleitet von dem unverkennbaren Brummen von Motoren. Die Wildhüter waren eingetroffen, angelockt durch seinen dringenden Funkspruch.
Eine Welle der Erleichterung durchströmte Nolan. Die Wilderer rappelten sich auf, einige stürmten zu ihren Schneemobilen. Aber die Beamten waren geübt in arktischen Manövern. Sie schwärmten aus und schnitten ihnen die Fluchtwege ab. Innerhalb weniger Augenblicke kam es zu einer angespannten Pattsituation, in der die Polizisten Befehle durch Megaphone brüllten.

Schüsse ertönten, keine Kugeln, sondern Warnfackeln. Blendende Streiflichter erhellten den dunklen Himmel und zwangen die Wilderer, ihre Augen zu schützen. Mit unerschütterlicher Entschlossenheit rückten die Beamten vor, griffen die bewaffneten Männer an und legten ihnen die Kabelbinder um die Handgelenke. Ihre geübte Koordination war offensichtlich.
Ein Beamter eilte zu Nolan und durchtrennte die Seile mit einer raschen Bewegung. Ein anderer nahm das zitternde Jungtier in den Arm, um es aus dem Chaos zu befreien. Eine Handvoll Beamte stürzte sich auf die gefangene Bärenmutter und hob vorsichtig das schwere Netz an, mit dem sie gefangen war.

Sobald sie frei war, bäumte sich die Bärenmutter auf und stieß ein gutturales Knurren aus, das Nolans Nerven erschütterte. Aber ihre Augen fanden ihr Junges, und sie beugte sich vor, um es zu beschnuppern und sanft zu stupsen. Nolans Beine knickten fast vor Erleichterung ein, als er die beiden zusammen sah.
Die Beamten sicherten die letzten Wilderer, deren Proteste durch das Glitzern der Handschellen zum Schweigen gebracht wurden. Einige Kriminelle versuchten, sich wegzuwinden, aber in der Arktis gab es keine Möglichkeit zu fliehen, wenn sie in die Enge getrieben wurden. Nolan rieb sich die Handgelenke und spürte, wie ihn sowohl Erschöpfung als auch Dankbarkeit durchströmten.

Einer der Beamten klopfte ihm fest auf die Schulter. “Das haben Sie gut gemacht”, sagte er. “Wir versuchen schon seit Ewigkeiten, diese Wilderer festzunageln. Danke für den Hinweis.” Nolan atmete zittrig aus, die Worte fehlten ihm. Das Gebrüll verstummte und wurde durch das gleichmäßige Summen der Erleichterung ersetzt.
Von seinen Fesseln befreit, stolperte Nolan zu einem Schneemobil, das von einem Beamten mit festem Arm geführt wurde. Im Hintergrund untersuchten weitere Beamte die Bärenmutter auf Verletzungen und stellten sicher, dass sie sich ohne unmittelbare Gefahr bewegen konnte. Das Jungtier drückte sich an ihre Flanke, ein Bild der zerbrechlichen Wiedervereinigung.

Sie führten Nolan zu einem nahe gelegenen Außenposten, einem bescheidenen Gebäude, das mit medizinischem Material und Funkgeräten ausgestattet war. Dort gab er eine ausführliche Erklärung ab, in der er die schreckliche Verfolgungsjagd, den Funkspruch und die Art und Weise, wie er dem Eisbären überhaupt gefolgt war, beschrieb. Die Beamten hörten ihm aufmerksam zu.
Nach einiger Zeit brachte ein Beamter Nolans Rucksack zurück, in dem sich ein paar persönliche Gegenstände und eine kleine Portion getrockneter Fisch befanden. “Sie haben Glück, dass Sie genug zum Teilen mitgebracht haben”, scherzte der Beamte. Nolan brachte ein müdes Lächeln zustande und dachte daran, wie diese Tat alles verändert hatte.

Die Wildhüter veranlassten, dass ein Veterinärteam die Bärenmutter und ihr Junges untersuchte. Nachdem sie sich vergewissert hatten, dass keine der beiden lebensbedrohlichen Verletzungen vorlagen, brachten sie die beiden in eine sicherere, natürliche Umgebung. Als Nolan beobachtete, wie die Tiere davonstapften, verspürte er eine Welle der Erleichterung und einen stillen Stolz.
Nachdem die Formalitäten erledigt waren, begleiteten die Beamten Nolan zurück in seine Kabine. Die vertraute Wärme seines Ofens tröstete ihn auf eine Weise, die er noch nie zuvor zu schätzen gewusst hatte. In dieser Nacht, als die Erschöpfung auf seinen Augenlidern lastete, schlief er ein, dankbar dafür, dass er geholfen hatte, ein zerbrechliches Stück dieser gefrorenen Welt zu erhalten.
